RAISON

Zeitschrift für gesellschaftliche Entwicklung

RAISON - Wirtschaft

Das wissenschaftliche Prekariat – drei Porträts

von Dagmar Weidinger

Annemarie Steidl - „Ein Jahr USA – das habe ich mir verdient.“

Ein Besuch bei Annemarie Steidl führt in die historische Dependance, ins Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte gleich neben dem Hauptgebäude der Universität Wien am Schottentor. Hier arbeitet die 44-jährige Historikerin noch bis Ende 2009 als Firnberg-Stipendiatin an ihrer Habilitation zum Thema Ungarische Auswanderung in die USA zur Zeit der Monarchie. Um Migration und Mobilität zwischen Europa und Amerika geht es nicht nur in ihrer Forschung, Steidls Lebensweg weist viele Stationen diesseits und jenseits des Atlantiks auf.

1984 kommt die gebürtige Oberösterreicherin zum Geschichte-Studium nach Wien. Als eine der Ersten sitzt sie im Keller des neuen Institutsgebäudes und bearbeitet große geschichtliche Datenmengen. „Zu Beginn der 80er Jahre steckte der Personal Computer noch in den Kinderschuhen“, erzählt Steidl. „Ich war begeistert von den neuen Möglichkeiten der Statistik für die Geschichtsforschung.“ Rasch wird die neugierige Studentin Mitglied des Vereins „History & Computing“, der die Computeranwendung in der historischen Forschung und Lehre ausbauen will.

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Prekarität und Protest

Produktionsverhältnisse von Sozialwissenschaften an Österreichs Universitäten

von Thomas Schmidinger

Der überwiegende Teil der wissenschaftlichen Produktion Österreichs wird nicht von hochbezahlten WissenschafterInnen in Forschungsinstituten, Unternehmen und Universitäten erbracht, sondern durch WissenschafterInnen mit kurzfristigen und prekären Beschäftigungsverhältnissen. Gerade an den Universitäten werden Lehre und Forschung seit dem UG 2002 fast nur noch durch kurzfristige Verträge gesichert. Zusammen mit der Entdemokratisierung der Universitäten, die mit dem UG 2002 durchgesetzt wurde, wurden die Unis damit von Stätten der wissenschaftlichen Reflexion zu von Managern geführten Unternehmen umgewandelt, in deren Mittelpunkt nicht mehr wissenschaftliche Erkenntnis, Reflexion, Produktion und Weitergabe von Wissen stehen, sondern die ökonomische Verwertbarkeit – auch wenn damit ganze Generationen von WissenschafterInnen zerstört werden.

Gerade in den Sozialwissenschaften, die sich in Österreich nach der Zäsur der Vertreibung durch den Nationalsozialismus nie mehr völlig erholt haben, blickt die Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen jedoch auf eine längere Geschichte zurück. Bis zum Ende des letzten Jahrtausends war die Entscheidung, sich nicht auf eine institutionalisierte Karriere einzulassen, sondern als freieR WissenschafterIn zu arbeiten, in vielen Fällen noch mehr oder weniger frei gewählt. In einem 1992 erschienenen Beitrag beschäftigt sich Eugene Sensenig noch mit den Motiven von WissenschafterInnen, sich als „FreelancerIn“ zu beschäftigen. Der damals in Salzburg und heute in Beirut arbeitende Sozialwissenschafter sah dafür neben der begrenzten Zahl an Arbeitsplätzen auch die spezifische Entwicklung der Sozialwissenschaften im österreichischen politischen System als eineN der Gründe, außerinstitutionell zu forschen:

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